Welche Rolle spielt „Internationalität“ in der kulturellen Bildungspraxis? Die Direktorin der Akademie Remscheid, Prof. Dr. Susanne Keuchel, stellte auf der Mitgliederversammlung Ende September eine erste Bestandsaufnahme vor. Das Ergebnis: Themen und künstlerisches Repertoire sind vielfach noch nicht auf „Internationalität“ ausgerichtet.

Seit längerem stehen Interkulturalität und Transkulturalität im Mittelpunkt des Fachdiskurses. „Internationalität“ in der Kulturellen Bildung wird dabei noch selten betont. Analog zu den Protagonisten in den Deutschbüchern der Grundschule, die heute nicht mehr nur Thomas und Brigitte, sondern auch Murad und Aylin heißen, stellt sich die Frage nach Verschiebungen im künstlerischen Repertoire der Kulturellen Bildung. Spielt neben der Halbtonleiter auch die Vierteltontechnik eine größere Rolle in der Musikvermittlung? Oder lesen Kinder und Jugendliche in Literaturprojekten neben Büchern von deutschen Autoren z.B. auch Werke von iranischen Schriftstellern?

Um eine erste Einschätzung der aktuellen Praxis zu ermöglichen, untersuchte die Akademie Remscheid in einer explorativen empirischen Studie 459 kulturelle Bildungsprojekte. Sie prüfte, wie international diese in Bezug auf das künstlerische Repertoire, ihre Themen und Lebensweltbezüge ausgerichtet sind. Mit dem Ergebnis, dass nur knapp ein Viertel der Projekte explizit Bezug auf Kunstwerke bzw. Lebenswelten aus anderen Ländern nahmen. Dabei lässt sich eine starke Eurozentrierung beobachten. Vermittler in der Kulturellen Bildungspraxis stützen sich offenbar zu sehr auf die eigene kulturelle Prägung.

„Häufig ist man sich gar nicht bewusst, dass man in der Repertoire-Wahl und Themensetzung sehr stark seine eigenen kulturellen Hintergründe reflektiert“, so Prof. Dr. Susanne Keuchel. „In Zeiten von kultureller Vielfalt ist es umso wichtiger, bei Bildungsprojekten im Vorfeld kritisch zu prüfen, wie weit man sich bei der Gestaltung öffnet bzw. Raum lässt für kulturelle Erfahrungen, die das vielfältige Spektrum junger Zielgruppen widerspiegeln.“

Die Studie empfiehlt ein Umdenken in der Aus- und Weiterbildung innerhalb der Kulturpädagogik. Sowohl Förderpolitik als auch die Kulturpädagogik müssen Fragestellungen zu Diversität und Internationalisierung aktiv und langfristig aufgreifen und sie in Lehre, Leitbildern und im Qualitätsdiskurs fest verankern. Im Rahmen der explorativen empirischen Studie „Internationalität in der Kulturellen Bildungspraxis“ wurden stichprobenartig 459 Projektbeschreibungen von kulturellen Bildungsprojekten aus den Datenbanken von „Kinder zum Olymp“ und „Mixed Up“ erfasst und ausgewertet. Ausführlich werden Methodik und Studienergebnisse im ersten Band der neuen Schriftenreihe „Perspektivwechsel Kulturelle Bildung“ der Akademie Remscheid vorgestellt, der Ende des Jahres im Transcript Verlag erscheint.

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