Wir leben in einer Zeit großer Umwälzungen, die unsere Gesellschaft vor enorme Herausforderungen stellen und die unser Leben dauerhaft verändern. Zu uns kommen viele Menschen, die vor Gewalt, Krisen und schlechtesten Lebensbedingungen fliehen. Sie haben extreme Risiken und Strapazen auf sich genommen. Sie suchen Schutz, wollen etwas Neues aufbauen – und Teil der Gesellschaft werden, die sie aufgenommen hat. Sie bringen Kompetenzen und Potenziale mit, neue Sichtweisen und Perspektiven, die unsere Gesellschaft und unsere Kultur stärken und bereichern können.

Gemeinsame Identität stärken

Die Bildung neuer Gemeinschaften, in denen alle in Hamburg lebenden Menschen gleichermaßen am gesellschaftlichen Leben teilhaben, ist eine große Aufgabe, zu der die Soziokultur einen zentralen Beitrag leisten kann. Gesellschaftliche Veränderungsprozesse vor Ort im Stadtteil und in zivilgesellschaftlichen Netzwerken mit kulturellen Mitteln zu initiieren und zu gestalten, war schon immer ein wesentliches Wirkungsfeld der Stadtteilkultur – auch und gerade in Stadtteilen mit hohem Migrationsanteil in der Bevölkerung. Besonders vor dem Hintergrund aktueller Polarisierungen in unserer Gesellschaft ist nicht nur die soziale Grundversorgung essentielle Aufgabe der aufnehmenden Stadtgesellschaft, sondern auch die Partizipation durch Entwicklung einer gemeinsamen wertebasierten Kultur.

Potenziale erschließen und vor Ort fördern

Für Hamburg als Hafenstadt ist Zuwanderung ein wichtiger Faktor für den wirtschaftlichen und kulturellen Reichtum. Die Potenziale und die künstlerischen wie berufsbezogenen Kompetenzen gut für die Stadtgesellschaft zu erschließen – das hat Hamburg schon immer gut gekonnt – und sollte dies zukünftig noch offensiver tun.

Nachhaltigkeit durch Ausbau erfolgreicher Angebotsstrukturen „für Alle“

Vor Ort in den Stadtteilen haben Kulturzentren seit Jahrzehnten durch partizipative Kulturveranstaltungen und -projekte für eine Verbesserung der Lebensqualität und des Miteinanders unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen gesorgt. Ihr Know-how, ihre Netzwerke und positive Verankerung in unterschiedlichsten Kulturkreisen können nun dazu beitragen, den aktuellen Herausforderungen gestaltend zu begegnen und eine neue Stadtgesellschaft zu bilden, deren Basis eine gemeinsame werteorientierte Kultur ist. Deshalb hat es eine große Bedeutung, dass die Stadtteilkultureinrichtungen so gestärkt werden, dass sie ihr Know-how, ihre Vernetzung und ihre Akzeptanz in der Bevölkerung für die aktuellen Herausforderungen einsetzen können.
Um die Qualitäten der Stadtteilkultur für die Integration der Zuwanderer zu erschließen, müssen nachhaltige Strukturen aufgebaut werden: In Stadtteilen oder Regionen mit hohem Aufkommen von Flüchtlingsunterkünften – existenten und geplanten – und einer Ballung von Problemlagen müssen auf den Netzwerken und der lokalen Verankerung von Stadtteilkulturzentren basierend

  • ORTE der Orientierung,
  • ORTE der Kommunikation und des Austauschs,
  • ORTE der Kultur,
  • ORTE des Spracherwerbs und
  • ORTE des Engagements

gestärkt und ausgebaut werden.

Darüber hinaus muss eine zentrale Stelle auf Hamburgebene geschaffen werden, die für die Kultur mit, für und von allen in Hamburg lebenden Menschen

  • Informationen zum Thema sammelt, bündelt und verbreitet,
  • Beratung und Kompetenztransfer für Kulturinitiativen und -institutionen bietet,
  • den Fachdiskurs auf Hamburgebene fördert und vorantreibt,
  • Angebote für freien Zugang zu Kulturveranstaltungen und -organisationen für Zuwanderer koordiniert,
  • öffentlichkeitswirksame attraktive Veranstaltungen und Projekte initiiert, die für eine neue Stadtgesellschaft mit gemeinsamer werteorientierter Kultur stehen und diesen „Geist“ weiter verbreiten,
  • den Diskurs über die Merkmale gelungener Integration und die Werte und Regeln eines Zusammenlebens in einer sich ändernden Gesellschaft fördert.

Um die großen Herausforderungen zu bewältigen, braucht es das Engagement aller. Eine breite Koalition von Stiftungen – angeführt von der Körber Stiftung, der Alfred Toepfer Stiftung und der Hamburgischen Kulturstiftung – sowie Unternehmen und engagierten Privatpersonen arbeitet deshalb an einem Fonds, der Projekte der Stadtteilkulturarbeit für und mit Geflüchteten unterstützen soll. Dieses zivilgesellschaftliche Engagement zeigt, welche große Wirkung der stadtteilkulturellen Arbeit zugemessen wird. Doch dieses Engagement kann staatliches Handeln nicht dauerhaft ersetzen. Deshalb muss die öffentliche Hand ihrer Verantwortung gerecht werden. Um die größtmögliche Wirkung für die Gesellschaft zu erzielen, darf es dabei nicht zu Kürzungen von Mitteln in anderen wichtigen gesellschaftlichen Aufgabenbereichen kommen.

Für die Umsetzung der Maßnahmen brauchen wir professionelle Ansprechpartner vor Ort und an zentraler Stelle, die u.a. für die notwendige Koordination, Qualifizierung und Vernetzung sorgen. Unerlässlich sind außerdem unbürokratisch nutzbare Fördertöpfe für kulturelle Projekte mit Geflüchteten und anderen Benachteiligten. Wichtig ist die Stärkung und Weiterführung der Strukturen, ohne die eine Ausweitung der Aufgaben undenkbar ist, denn diese sind bereits seit Jahren existenziell bedroht. Dafür werden nach einer ersten Schätzung Mittel in Höhe von mindestens 4,4 Millionen Euro benötigt. Bürgerhäuser und andere Einrichtungen, die im Feld herausragende Arbeit leisten, werden ebenfalls Unterstützung brauchen.

Die kulturellen Infrastrukturen und die Kompetenzen für die gemeinsame, aktive Gestaltung des interkulturellen Veränderungsprozesses sind vorhanden. Die Hamburger Stadtteilkultur stellt sich der Aufgabe. Wir brauchen jetzt die Unterstützung der Stadt, um ihr gerecht werden zu können.